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Blick in die Internet-Zukunft
2012-01-17 09:54 von Stefan Grill
Das Berliner Web-Netzwerk Xinnovations bereitet sich auf seinen 10. Geburtstag vor
1991 entwickelte Tim Berners-Lee am CERN den Standard für das World Wide
Web. Ursprünglich nur als elektronisches Mini-Geflecht für
Wissenschaftler rund um das Forschungsinstitut. Schon wenige Jahre
darauf war es zum Welt-Netz geworden. Wohin wird sich das Internet in
den kommenden Jahren entwickeln? Die Frage stellt sich Rainer Thiem in
gleicher Weise für sein eigenes Kooperationsnetz Xinnovations, das vor
zehn Jahren Berliner Firmen und Anwender rund um die neue
Internet-Sprache XML verknüpfte. „Wir sollten versuchen, die Zukunft in
Szenarien zu denken", empfiehlt der Vorsitzende des Xinnovations e.V.
Das Jubiläum zum Start des damaligen BMBF-Fördernetzwerks XML-City im
Mai 2002 will man in diesem Jahr groß feiern. Die Gründergeneration von
damals dürfte komplett anrücken. „Von den acht Gründungsmitglieder sind
heute noch sechs Firmen (ART+COM AG, Chemie .De, EsPresto AG, Neofonie
GmbH, webcrew, zertificon) am Markt", freut sich Thiem, der auch damals
Netzwerk-Manager der ersten Stunde war.
Drei Szenarien
Schnitt. Blick in die Zukunft. Die Internet-Welt des Jahres 2016,
Version 1: Das WWW ist zur Hochrisiko-Technologie für alle Beteiligten
geworden. Sicherheits-Vorkehrungen gegen Cyber-Attacken bestimmen den
Online-Alltag. Das offene Netz für alle ist passé. Die Internet-Polizei
patrouilliert im Innern. Die Staaten rüsten zum Cyber-War gegeneinander,
mit dem Ziel der IT-Vernichtung großer technischer Systeme. Das Militär
wird zum Web-Administrator.
Version 2: Die schöne neue Internet-Welt der Supermonopolisten: Google,
Facebook, Amazon und Apple diktieren privaten und geschäftlichen Nutzern
die Bedingungen. Eine sanfte Diktatur, die das User-Volk mit Vorteilen
ködert, Arbeitsplätze, Schulen, Krankenversorgung, für alles sorgen die
Daten-Kraken. Ein Rundum-glücklich-System, aber fremdbestimmt. Eine Art
Kommunismus auf digital.
Version 3: Politische Bewegungen, die Chancengleichheit und Transparenz
zum Ziel haben, erobern sich das Netz zurück. Das technische Instrument
ermöglicht soziale Vernetzung und politische Partizipation.
Kommunikationstechnik, die Diktaturen demokratisiert. Die
Internet-Träume der ersten Stunde werden Realität.
Welches Zukunftsszenario hat die höchste Wahrscheinlichkeit?
Rainer Thiem lässt keinen Zweifel, welche Variante er favorisiert. „Ich
habe Hoffnung". Gerade in Berlin gibt es mit der Piratenpartei ganz
frisch einen parlamentarische Arm der Netz-Demokratisierer. Zu den MdA
gehört auch Pavel Mayer aus der Xinnovations-Gründungsriege und sogar
der Zeit davor. 1994 stellte er mit Thiem in einer legendären
Ausstellung im Bikini-Haus am Zoo das „Fenster ins Netz" vor, der frühe
digitale Blick auf die Erde, eine Art Google Earth, bevor es Google
überhaupt gab.
Andreas Wiek, Chef der Multimedia-Agentur ART+COM AG, die zu den
XML-City-Gründern gehört, findet es bemerkenswert, in welch
harmonischer Weise die Xinnovations-Mitglieder über zehn Jahre ihr
Netzwerken gestaltet habe. „Viele Firmen tanken sich in diesen Kontakten
gegenseitig auf", hat Wiek festgestellt. Auch Rainer Thiems
„hervorragende Organisationsarbeit" habe das Ihre dazu beigetragen, dass
der Kooperationsverbund nach Auslaufen der Förderphase nicht
auseinanderfiel, sondern mehr denn je prosperiert. Das Lob erfolgreichen
Netzwerkens ist für Wiek selbst von aktueller Relevanz: seit kurzem
führt er das Netzwerk der Berliner Kreativ-Szene „create berlin" als
Vorstand mit an.
Im zurückliegenden Jahr hat sich die Mitgliederzahl von Xinnovations um 9
auf jetzt 67 erhöht. Mittlerweile ist der Verbund auch für Akteure
außerhalb Berlins interessant. So die e-Learning-Initiative D-ELAN aus
Nordrhein-Westfalen oder die Jurasoft AG, ein großer Hersteller von
Kanzleisoftware für Rechtsanwälte. „Wir ziehen recht heterogene Gruppen
an", erklärt Vereinsvorsitzender Thiem. „Die Mitglieder suchen kein
neues Unternehmens-Netzwerk, sondern sie wollen ausdrücklich in einen
Innovations-Verbund, in dem Technologietransfer stattfinden kann".
Wichtigste organisatorische Innovation von Xinnovation war 2011 der
Launch des Always-on-Festivals, das Mobile Web-Anwendungen im
Entertainment-Format präsentierte.
Feierlicher Rahmen des Jubiläums wird das traditionelle Sommerfest des
Vereins über den Dächern von Berlin im Juni sein. Über die
Vereinsmitglieder hinaus werden viele weitere Gäste und Freunde aus
Politik, Wissenschaft, Wirtschaft dabei sein.
Manfred Ronzheimer, www.innomonitor.de
