Demokratie und digitaler Wandel – Impuls zum Jahreswechsel 2025/2026
Ein Beitrag von Prof. Dr. Sebastian Sierra Barra im Namen des gesamten Vorstands
Im Rückblick auf das vergangene Jahr zeigt sich immer deutlicher, dass digitale Technologien immer weniger auf demokratische Ordnungen ausgerichtet werden, sondern zunehmend selbst zu affektiven, technischen und infrastrukturellen Machtformen geworden sind. Sie strukturieren Aufmerksamkeit, modulieren Emotionen und organisieren gesellschaftliche Teilhabe jenseits klassischer politischer Verfahren.
Angriff auf demokratische Lebensformen
Nicht erst seit dem Amtsantritt der neuen US-Regierung in diesem Jahr dient der Kampf gegen Bürokratie dabei als Deckmantel für einen Angriff auf demokratische Lebensformen weltweit. Was als Befreiung von ineffizienten Strukturen gefeiert wird, ist im Kern ein Krieg gegen jene institutionellen Verfahren, in denen Konflikte ausgehandelt, Verantwortung verteilt und Zukunft entworfen wird. Plattform-Monopole haben sich in diesem Kontext zu Rettern in Krisenzeiten stilisiert und Disruption zum politischen wie ökonomischen Heilsversprechen erhoben.
Künstliche Intelligenz als Einbahnstraße
Mit der aktuellen Entwicklung sogenannter Künstlicher Intelligenz spitzt sich diese Dynamik weiter zu. Es geht nicht mehr nur um die Optimierung einzelner Prozesse, sondern um die systematische Auslagerung kognitiver Tätigkeiten: Wahrnehmen, Bewerten, Erinnern, Entscheiden. Diese Auslagerung ist nicht automatisch problematisch, sondern kann ganz im Gegenteil Verstehen vertiefen und Handlungsmöglichkeiten erweitern. Allerdings muss sie dazu als kooperative Erweiterung menschlicher Urteilskraft gestaltet werden.
Problematisch wird sie dort, wo sie zur Einbahnstraße wird. Wenn technische Systeme nicht mehr Mittel der Orientierung sind, sondern an die Stelle von Vorstellungskraft treten, verengen sich Entwicklungsräume, und der Möglichkeitssinn stirbt ab. Wo Alternativen nicht mehr gedacht, Daten nicht mehr bewahrt und Zusammenhänge nicht mehr rekonstruiert werden können, gehen nicht nur Kompetenzen verloren, sondern auch die Möglichkeit, bessere Zukünfte zu entwickeln. Paradigmatisch zeigt sich diese Logik im Löschen öffentlicher Daten durch DOGE in diesem Jahr: Was als Effizienzmaßnahme erscheint, zerstört die materiellen Voraussetzungen von Erinnerung, Lernen und demokratischer Steuerung.
Neue Geschäftsmodelle
Für Xinnovations ist diese Entwicklung nicht nur eine normative Herausforderung, sondern auch eine strategische. Der Verein dient im besten Sinne auch der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle: Um tragfähige Modelle entwickeln zu können, müssen wir technologische Systeme zunehmend in ihrer politischen Wirkung verstehen.
So herausfordernd dies auf den ersten Blick erscheint: Gerade daraus ergeben sich neue Gestaltungsräume. Wenn wir die beschriebenen Verschiebungen ernst nehmen, können Geschäftsmodelle entwickelt werden, die nicht auf affektiver Ausbeutung oder bloßer Skalierung beruhen, sondern auf demokratieverträglichen Infrastrukturen: auf nachvollziehbaren Systemen, verantwortbarer Automatisierung, neuen Formen digitaler Teilhabe und langfristigem institutionellem Vertrauen.
Der Blick nach vorn bedeutet daher, technologische Innovation, demokratische Reflexion und ökonomische Tragfähigkeit gemeinsam weiterzudenken. In diesem Spannungsfeld sehen wir den Kern unserer Arbeit im kommenden Jahr.